Heinz Schürmann, Das Lukasevangelium, hg. von Joachim Gnilka und Lorenz Oberlinner, Sonderausgabe, Bd. 1 & 2, Herders Theologischer Kommentar zum Neuen Testament (Freiburg im Breisgau: Verlag Herder, 1984–1994).

41f Der Erzähler vermerkt gern, daß die frommen Eltern Jesu jährlich der gesetzlichen Wallfahrtspflicht nachkamen und Jesus schon ein Jahr vor der mit dem 13. Lebensjahr beginnenden gesetzlichen Verpflichtung mitnahmen. Sie scheinen das ganze Pascha- und Mazzothfest über, bis zum Ende der ganzen Festzeit, in Jerusalem geblieben zu sein.

43ff Die galiläischen Festpilger reisten meistens in größeren Gruppen, in denen Angehörige sich schon aus dem Auge verlieren konnten. Die Eltern vermuteten den Knaben Jesus bei Verwandten oder Bekannten und hofften ihn abends nach dem ersten Tagesmarsch beim Sammelplatz wiederzusehen. Das wird breit erzählt zur Vorbereitung der Frage Mariens V 48b, weil nun ein zweiter Tag zur Rückreise und der dritte als Tag des Wiederfindens seine Begründung hat.

46 Nicht daß Jesus im Kreise jüdischer Rabbinen sitzt, ist dem Erzähler wichtig, sondern daß er vor anerkannten Gelehrten seine Verständigkeit ausweist. In den Hallen des äußeren Tempelvorhofes — oder der eigenen Tempelsynagoge — erfolgten die Belehrungen der Rabbinen in Form von Disputationen, in denen die Schüler, auf dem Boden hockend — und so auch Jesus —, Fragen stellten.

47f Die σύνεσις liegt an sich von der σοφία (VV 40.52) nicht weit ab; zumindest der VV 41–51 zur Erläuterung von V 40 anfügende und V 52 bildende Redaktor wollte sie als Beweis für die σοφία Jesu verstanden haben. Bei der rabbinischen Diskussion im Tempel ging es ja um Fragen der Halacha. Was von daher an Jesus sichtbar wird, ist nicht seine natürlich-geistige „Begabung“, sondern sein im Gesetzesverständnis zutage tretendes Wissen um den Gotteswillen Die fast entsetzte Überraschung (ἐξίσταντο) der Gelehrten, ihrer Schüler und der umstehenden Zuhörer hebt dieses „Verständnis“ Jesu ins rechte Licht, ebenso das überraschte Erschrecken (ἐξεπλάγησαν) der Eltern, die den Zwölfjährigen inmitten der bedeutend älteren Rabbinenschüler zu Füßen anerkannter Gelehrter sitzen sehen. Hier leuchtet schon auf, was später von Jesus zu rühmen war: seine Lehre (in Vollmacht) Mk 1,22 parr; 1,27 par Lk; Mt 22,23, daß Gottes Weisheit (VV 40.52) in ihm war und aus ihm redete: Mk 6,2, vgl. Lk 7,35; 11,31.

In V 47 verrät sich die Hand eines Redaktors, denn er bringt ein anderes Subjekt als VV 43–46.48 und damit eine Inkongruenz für V 48. Auch war V 46 nur vom „Hören“ und „Fragen“ Jesu die Rede, während sich V 47 Jesus als Gefragten und verständig Antwortenden vorstellt. Aber es ist gewagt, der Vorlage jede Grundlage für die Aussage von V 47 abzusprechen, da dann das Sitzen und Fragen Jesu inmitten der Lehrer, das doch schon den Sinn von V 47 haben muß, reichlich unaufgeschlüsselt bleibt. Außerdem würde der Anknüpfungspunkt σύνεσις für eine Anfügung der Perikope an VV 40 (52) fehlen.

In der vorwurfsvollen Frage der Mutter klingt noch das angstvolle Suchen nach. Mit ihr wird der Schmerz der Eltern unterstrichen gezeichnet, damit Jesu Sohnesgehorsam gegenüber Gott als Vater abhebend richtig herauskommt. Die gleiche schriftstellerische Absicht leitet den Erzähler, wenn er Maria Jesus betont τέκνον anreden läßt und von ὁ πατήρ σου reden läßt.

49 Das erste von Jesus überlieferte Wort — an der entscheidenden Wende vom Kindesalter zum Heranreifenden gesprochen — macht sichtbar, daß schon frühzeitig in ihm war, was später als das Eigentliche und Tiefste in Jesus empfunden wurde: die Radikalität seines Sohnesgehorsams gegenüber dem Vater und dessen Wort. Jesu Antwort klingt geheimnisvoll vieldeutig in ihrer Frageform; sie weist auf die Selbstverständlichkeit des Tatbestandes hin. In ihrer Bestimmtheit wirkt schon das δεῖ der zweiten Frage voraus. Sicher meint ἐν τοῖς τοῦ πατρός μου — Jesu Antwort ist im Tempel gesprochen! — diesen Tempel als Eigentum und Ort der Gegenwart (vgl. Mt 20,21) des „Vaters“. Das Heiligtum ist hier aber nicht als Ort des Opfers und Gebetes wichtig, sondern als Ort der Unterweisung — wie später für die Jerusalemer Christen (vgl. Apg 2,46; 5,12). Sachlich heißt „in dem des Vaters sein“ also: in ganzer Hingabe und Ausschließlichkeit für das Wort Gottes da sein, was charakteristisch ist für Jesu späteres Verhalten und seine ständige Forderung. Jesu Wort bekommt Farbe auf dem Hintergrund des vorwurfsvollen Mutterwortes („dein Vater“); von ihm her wird Jesu Sohnesgehorsam, das „Muß“, deutlich gemacht. Dieses „Muß“ trennt Jesus selbst von den Eltern — gerade von den Eltern — und zwingt ihn in die ausschließliche Hörigkeit und Nähe „seines“ „Vaters“. Die sonstige evangelische Überlieferung weiß jene „Hörigkeit Jesu“ immer wieder durch die gleiche Scheidung von der Mutter zu illustrieren. Diesbezügliche Forderungen Jesu gestalten die Erzählung. Die Innigkeit dieser Gott-Hörigkeit Jesu ist im Worte Jesu als Vater-Sohn-Verhältnis charakterisiert. Im Lichte des Gesagten ist dieses Verhältnis zunächst als ein persönlich-religiöses, nicht vordergründig als ein amtlich-messianisches geschildert. Nicht als messianischer Inhaber des Davidsthrones ist Jesus hier — wie 1,32 — Sohn; auch liegt hier unmittelbar keine Ursprungsbeschreibung — wie 1,35 — vor. Wird doch Jesus an unserer Stelle gar nicht unmittelbar mit der Sohnes-Prädikation belegt. Aber das Besondere seiner Sohnschaft wird doch kenntlich gemacht, wenn Jesus hier so emphatisch von seinen „Eltern“ abgesetzt wird und im Zusammenhang so betont von Gott als „seinem“ Vater spricht. Mag es auch nicht ungewöhnlich sein, daß ein Frommer z. Z. Jesu Gott „seinen Vater“ nennt; ganz offenbar will diese programmatische Erzählung, die in einem Ereignis schon der Jugendzeit Jesu sein Eigentliches und Wesentliches herausstellen möchte, aber doch von Jesus mehr aussagen, als was von jedem Frommen gilt. Die besondere Weise, wie Jesus von „seinem“ Vater betend und erzählend geredet hat, sitzt in der Tradition fest und soll auch aus dieser Erzählung herausgehört werden. Dabei muß auf das gewollte Beisammen der beiden Erzählungspointen geachtet werden: Als Sohn ist er der „verständige“ (V 47), kommende Lehrer voll Weisheit (VV 40.52). In Jesu Sohnsein wurzelt sein Lehrertum. Jedenfalls kann kein Zweifel sein, daß der komponierende Redaktor in diesem großen Finale 2,41–52 die Sohnschaft Jesu von 1,32.35 illustrieren und zugleich die gesamte christologische Verkündigung von Lk 1–2 auf den Höhepunkt bringen wollte. So wird vom Ende her die ganze Vorgeschichte noch einmal mit hellem Licht übergossen, wobei besonders die Aussagen 1,32.35 nachträglich zu leuchten beginnen.

51a Wie sehr die „Hörigkeit“ Jesu das Thema der Erzählung ist, zeigt auch die Notiz V 51a, in der das als Ungehorsam deutbare Verhalten Jesu abschließend vor diesem Mißverständnis geschützt werden soll, indem auf das gehorsam-untertänige Leben Jesu in Nazareth hingewiesen wird. Gerade diese sonstige Untertänigkeit macht jenes nur aus dem Sohnesgehorsam zu erklärende Verhalten Jesu nachträglich noch einmal verständlich.

50 Das Nichtverstehen der Eltern charakterisiert Jesu Wort als ein Geheimniswort, das in große Tiefen reicht. Die Notiz hat also primär eine literarische Funktion, keine historische. Sie will zur Meditation des Geheimnisses aufrufen. Das „Bewahren“ V 51b erläutert nachträglich das in sich mehrdeutige „Nicht-Verstehen“ V 50 und schirmt es vor Mißverständnis ab: Es war ein fragendes, für Gott offenes, nicht ein „verständnisloses“ Nicht-Verstehen. Luk mußte keinen Widerspruch zu 1,26–38.42–55; 2,10–19.29–35 empfinden; alle jene Verheißungen gipfeln ja in dem Wort Jesu V 49.

51b Nachtragsweise wird noch einmal (vgl. schon 2,19) gesagt, daß Maria sich all diese verheißungsvollen Begebenheiten gemerkt habe. So entspricht es göttlicher Offenbarung; vgl. Dn 7,28. Nach der abschließenden Notiz V 51a wird πάντα τὰ ῥήματα über die letzte Begebenheit hinweg sich auf alles seit 2,19 Erzählte zurückbeziehen sollen. Die Notiz weist — wie schon 2,19 in Parallele zu 1,66 — in die Zukunft, auf die eine solche Bemerkung den Leser gespannt macht: Die zukünftige Erfüllung im Leben Jesu wird zeigen, daß die Kindheitsereignisse mit ihren geheimnisvollen Hinweisen nicht trügerisch in die Irre gewiesen haben. Wieder wird (wie 2,7.16.19.34) Maria besonders hervorgehoben, wohl nicht nur als Mutter, die als solche — wie jede Mutter — besonders eng mit der Zukunft ihres Kindes verbunden ist, sondern nach Absicht des Luk als diejenige, von deren Glauben man in den urchristlichen Gemeinden wußte (Apg 1,14; vgl. Joh 2,1–11; 19,25ff).

Die Notiz gehört nicht zu der ursprünglich mit V 51a abschließenden Erzählung, sondern ist redaktionell — 2,19 wieder aufgreifend. Sie scheint nachträglich 2,51a und 2,52 zu unterbrechen (obgleich auch V 52 redaktionell ist und an V 40 anknüpft).


Hans Bruns, Übers., Die Bibel mit Erklärungen: Erklärungen, 16. Auflage, Bd. 2 (Giessen; Basel: Brunnen Verlag, 2013), 103.

41–45 Die Treue der Eltern Jesu gegenüber den Ordnungen Gottes zeigt sich in der regelmäßigen Teilnahme am Passafest. Das war nicht vorgeschrieben, aber üblich. Erst vom dreizehnten Lebensjahr an war es Pflicht, wenigstens einmal im Jahr in Jerusalem dabeizusein. Die Eltern nahmen Jesus bereits im zwölften Jahr mit (er wird dann alle Jahre bis zu seinem öffentlichen Auftreten daran teilgenommen haben). Nicht alle blieben bis ganz zuletzt auf dem Fest, manche kehrten etwas früher heim. Jesus aber blieb im Tempel; denn dorthin zog es ihn. Die Eltern scheinen wie selbstverständlich erwartet zu haben, daß er schon unterwegs war; er aber ist innerlich festgehalten worden.

46–47 Der damalige Gottesdienst war u.a. vielfach auch eine Art „Gelehrtengespräch“ mit Rede und Gegenrede. Jesus wird lange zugehört haben, dann aber hat er auch Fragen gestellt. Die anderen haben geantwortet, er hat neue Einwürfe gemacht. Da hat sie große Erregung gepackt, weil sie so etwas noch nie erlebt hatten.

48–51 Jesus hat seinen Eltern keinen Vorwurf gemacht, ist nur selbst davon berührt, daß auch seine eigenen Eltern ihn nicht verstehen. Er kann nicht anders, er muß (wörtlich:) „in all den Dingen sein, die seinem Vater gehören“. Darunter ist kaum nur der Tempel zu verstehen, auch nicht die Gemeinschaft mit den Schriftgelehrten, die ja jetzt schon anfingen, ihn nicht zu verstehen. Es wird alles das gemeint sein, was mit der Sache des Reiches Gottes zusammenhing. Darin zu leben und zu atmen, war für Jesus Lebensbedürfnis, ja Leben selbst. Auffallend ist, daß er schon hier „mein Vater“ (und nicht „unser Vater“) sagt. Trotzdem oder gerade deswegen geht er jetzt willig mit nach Nazareth und ordnet sich seinen Eltern unter. Das war zunächst sein Weg, den er bewußt bejahte.


Arend Remmers, Die Bibel im Überblick, leicht bearbeitete Auflage (Hückeswagen: Christliche Schriftenverbreitung, 2016), 343–344.

I. Lukas 1,1–4,13: Einleitung: Geburt, Kindheit und Zubereitung des Sohnes des Menschen